Gebäude als System – Denken für 100 Jahre
Eine gute Dämmung der Gebäudehülle, auf dem Dach eine Fotovoltaikanlage, Sonden zur Nutzung der Erdwärme, rezykliertes Regenwasser zur WC-Spülung, vielleicht gar einen Windgenerator im Garten: Solche Konzepte werden heute als fortschrittlich gelobt. Aber sind sie auch nachhaltig? Ist das alleine der Königsweg für nachhaltiges Bauen?
Bauwerke überdauern mehrere Generationen
und spielen demzufolge eine wichtige
Rolle in allen Nachhaltigkeitsüberlegungen.
Wir erkennen diese langfristigen Auswirkungen,
wenn wir Konzepte zur Sanierung bestehender
Gebäuden suchen und wir müssen uns
dessen bewusst sein, wenn wir heute Bauten
für die nächsten 100 Jahre erstellen. Folglich
müssen die gewählten Massnahmen wohl
überlegt sein, um den gewünschten Effekt
bezüglich Nachhaltigkeit auch real zu bewirken
– und immer mit dem Ziel vor Augen, der Ressourcenverknappung
und dem Klimawandel
entgegenzutreten.
Positive Umweltbilanz
Nimmt man den Ansatz „Denken für 100 Jahre“, stellt man fest, dass die Aufgabe des Bauens vielschichtig und komplex geworden ist: Das Gebäude ist als System zu betrachten, welches aus vielen einzelnen Teilsystemen mit spezifischen Rollen und Aufgaben besteht. Das Gesamtsystem funktioniert dabei nur, wenn jedes Teilsystem in sich funktioniert, aber auch das Zusammenspiel all dieser Teilsysteme optimal klappt. Dies bewerkstelligen ist eine klassische Ingenieuraufgabe: Ein Problem in Teilprobleme zerlegen, die Teilprobleme lösen und anschliessend alles wieder zu einem Gesamtsystem zusammenführen. Mit diesem Ansatz kann die Entwicklung und Funktionsweise eines Gebäudes von der Erstellung bis zum Rückbau besser verstanden werden.Bei der Ausgestaltung der einzelnen Teilsysteme eines Gebäudes sind nun im Sinne der Nach haltigkeit verschiedenste Aspekte zu beachten: Die einzelnen Teile müssen über den ganzen Lebenszyklus eine positive Umweltbilanz aufweisen. Sie dürfen so wenig wie möglich ineinander greifen und sie sollten aus Elementen bestehen, die untereinander jeweils eine möglichst gleiche, der Nutzung angepasste Lebensdauer aufweisen. Gleichzeitig müssen die Teilsysteme aber eine hohe Flexibilität aufweisen, sie müssen an veränderte Randbedingungen (beispielsweise betreffend Nutzung) angepasst werden können und sie müssen Fortschritte in der Bautechnik aufnehmen können.
Systeme zusammenfügen
Hat man diese Zielsetzungen erfüllt, besitzt man
erst ein Konglomerat von optimierten Teilsystemen.
Jetzt gilt es, allen oben erwähnten Ansprüchen
auch beim Zusammenfügen der einzelnen
Teile zu einem Gesamtsystem gerecht zu werden
– nur so erhält man dann das in jeder Hinsicht
optimierte Ergebnis. Es geht also nicht nur darum,
die beste Wärmepumpe mit der besten Photovoltaikanlage
und der dicksten Gebäudehülle
zusammenzubauen, sondern auch darum, die richtige Kombination von Einzelelementen zu finden,
welche die grösstmögliche Nachhaltigkeit
für das jeweilige Bauvorhaben erzielt. Grosse
Bedeutung übernimmt dabei während der Betriebsphase
eines Gebäudes die Gebäudeautomation.
Nur diese kann sicherstellen, dass alle
Systeme aufeinander abgestimmt betrieben
werden.
Wer ist aber in der Konzeption und Planung für
dieses „intelligente Kombinieren“ zuständig?
Braucht es dafür einen „Systemingenieur“? Oder sind wir schon heute in der Lage, unsere Bauprojekte
so zu gestalten? Unabhängig von diesen
Fragen ist es eine grundlegende Voraussetzung,
dass alle am Bau Beteiligten nicht nur in ihrem
Fachgebiet ein tiefes Wissen haben, sondern
auch ein breites Wissen über die anderen Fachgebiete
besitzen. Nur so können die Berührungspunkte
und Schnittstellen zwischen den
einzelnen Teilsystemen diskutiert und damit gelöst
werden. Streben wir aber Systeme an, welche
beständig und robust für die Entwicklung der
nächsten 100 Jahre sind, müssen wir unseren
heutigen Planungsprozess und die entsprechenden
Anforderungen an Ingenieure und Architekten
überdenken.
